Ingo Isert (rechts) und Olaf Schulze mit einer gebundenen Ausgabe des „Mitteilungsblattes“, aufgeschlagen
Foto: Bessarabiendeutscher Verein/Gray
Schulze: Wir haben ja 2026 ein Jubiläum, und zwar 20 Jahre Bessarabiendeutscher Verein. Ich weiß, dass Du involviert warst, als der Verein entstanden ist. Und die Frage ist, wie kam es dazu, dass aus drei ursprünglichen Institutionen eine wurde?
Isert: Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Die drei Organisationen, die wir in Deutschland hatten, Hilfskomitee, Landsmannschaft und Heimatmuseum, die gab es im Prinzip auch schon in Bessarabien, mit eigenen Satzungen, eigenen Vorständen und eigenen Vorstellungen. Wichtige Amtsträger aus Bessarabien waren es dann auch, die in der Bundesrepublik die gleiche Struktur wiederaufgebaut haben. Und so entstanden unter geänderten Namen das Hilfskomitee der evangelisch-lutherischen Kirche aus Bessarabien, die Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen und das Heimatmuseum der Deutschen aus Bessarabien. Jede Institution hatte ihre eigene Aufgabe. Zwei arbeiteten personell eng verzahnt miteinander, das Hilfskomitee und die Landsmannschaft. Die Vorsitzenden waren wechselseitig entweder Vorsitzender oder Stellvertreter, das Gremium war identisch. Trotzdem gab es auch Meinungsverschiedenheiten. Beim Heimatmuseum ging es um Geschichte und Kultur Bessarabiens im engeren Sinne. Die Landsmannschaft hatte eher „politische“ Aufgaben, in den ersten Jahrzehnten ging es vor allem um den Lastenausgleich und seine gerechte Umsetzung. Das Hilfskomitee war diakonisch und religiös geprägt. Über die Jahrzehnte änderte sich dann vieles in Deutschland, viele der ursprünglichen Aufgaben waren erledigt. Und so ergab es sich dann, dass eigentlich alle drei Vereine, mehr oder weniger stark, Geschichte und Kultur in Bessarabien vertreten haben.
In den 1990 Jahren wurde das immer deutlicher. Damals habe ich als Nachfolger von Christian Fiess das Heimatmuseum vertreten und war davor eine Zeit lang Bundesgeschäftsführer in der Landsmannschaft. Ich regte an, ob wir nicht in einem Zeithorizont von zehn bis dreißig Jahren zusammengehen sollten, vielleicht erst einmal in Einzelbereichen (z.B. Archiv). Die Widerstände waren groß, die Diskussionen schwierig, so dass das Projekt Fusion erst einmal ruhte. Einzelne Annährungen gab es mit Arnulf Baumann vom Hilfskomitee, der ein sehr verständiger und sachbezogener Partner war und bereit war in Einzelbereichen stärker zusammenzuarbeiten. So schauten wir uns das Kirchenarchiv in Neufürstenhütte gemeinsam an, das war noch vor 2000.
Wie ging es dann doch voran?
Im Herbst 2002 begannen die Gespräche über eine Fusion erneut. Weitere Bewegung in der Sache kam auf, als Edwin Kelm, der Vorsitzende der Landsmannschaft, einen Nachfolger für sich suchte und mich dafür vorschlug. Ich wurde dann bei der Bundes- und Hauptversammlung am 1. und 2. Oktober 2004 als Nachfolger Kelms gewählt und zugleich wurde beschlossen, dass das Alexander-Stift mit seinen vielen Altenheimen aus dem Hilfskomitee separiert werden soll, ein Vorschlag, den Günther Vossler eingebracht hatte. Dieser Schritt wurde am 9. Dezember 2005 vollzogen.
Um die Fusion gut abzusichern, hatten wir uns über drei, vier Jahre hinweg juristischen Beistand geholt, wie die Fusionsverträge und insbesondere die gemeinsame Satzung des neuen Vereins von den drei „alten“ Vereinen rechtlich einwandfrei beschlossen werden müssen. Mit der Fusion waren schließlich fast alle einverstanden, aber den gemeinsamen Vereinsnamen zu finden, war schwierig.
Worin lag bei der Namensgebung die Problematik?
„Deutsche aus Bessarabien“ gab es in den 2000er Jahren immer weniger, viele waren nicht mehr in Bessarabien geboren. Ich sagte damals, diesen Namen können wir so nicht mehr halten. Der Begriff „Landsmannschaft“ galt für viele als konservativ und rückwärtsgerichtet. Es gab auch schon eine Landsmannschaft, die ihren Namen geändert hatte, die Danziger, die nun als „Bund der Danziger“ firmierten. Ich schlug den Namen „Bessarabiendeutscher Verein“ vor. Auch in unserem Mitteilungsblatt wurde darüber diskutiert, es gab zehn bis zwölf, teilweise sehr lange Vorschläge mit „Kulturverein“ oder eben auch „Landsmannschaft“.
Selbst Arnulf Baumann war mit dem Namen „Bessarabiendeutscher Verein“ nicht einverstanden und wollte einen etwas umfangreicheren Namen einbringen. Und dann mussten die drei Vereine in drei verschiedenen Sitzungen abstimmen über den Namen und das hat fast die Fusion gekostet. In einem Verein gelang dies nur mit einer einzigen Stimme Mehrheit. Aber gerade Arnulf Baumann hat dann zwei, drei Jahre später gesagt, er sei froh, dass wir den Namen „Bessarabiendeutscher Verein“ gewählt haben, da kann man wirklich alles darunter verstehen und ist nicht speziell durch den Namen eingeschränkt. Das ist ein neutraler Begriff und alle drei ursprünglichen Institutionen können unter diesem Namen leben.
Die Eintragung des neuen Vereins im Vereinsregister erfolgte am 24. Juli 2006, jedoch mit der Maßgabe, dass die Fusion rückwirkend zum 1.1.2006 Gültigkeit hat. So entstand dieses Gründungsdatum 1. Januar 2006. Die erste Vorstandssitzung des neuen Vereins nach der Registereintragung fand am 21. September 2006 im Heimathaus in Stuttgart statt.
Bereits am 6. April 2006 hatte das Mitteilungsblatt in einem Artikel von Isert und Baumann über eine Sitzung der Beschlussgremien des Heimatmuseums und der Landsmannschaft berichtet. Es gab die Überschrift: „Unter einem Dach“, und darunter stand: „Der entscheidende Schritt zur Fusion ist getan“.
Damals wurde der Übergangsvorstand gewählt. Pastor Arnulf Baumann und Ingo Isert wurden die Vorsitzenden des Vereins bis zur ersten Neuwahl 2008 nach der neuen Satzung. Alle Entscheidungsträger waren im neuen Vorstand vorhanden bis zu dieser Wahl. Erst dann gab es neue Namen, erst dann sind andere ausgeschieden.
Erst mit der Ausgabe vom 5. Oktober 2006 hieß es im Kopf des Mitteilungsblattes: „Mitteilungsblatt des Bessarabiendeutschen Vereins e.V.“ Schon das ganze Jahr 2006 über sieht man immer wieder im Mitteilungsblatt abgedruckte Beitrittserklärungen.
Das muss man unbedingt erläutern. Nach dem Beschluss der Fusion hat der damalige Bundesgeschäftsführer Werner Schäfer sich unglaublich ins Zeug gelegt, die Unterschriften der Mitglieder zu erhalten. Er hat diese ungeheure Aufgabe auch gemeistert und weit über 1000 Unterschriften, vielleicht 1400, zusammenbekommen. Er hat produktiv und zielgerichtet gearbeitet und nie geklagt, dass etwas zu viel sei.
Im Nachhinein war die Fusion die richtige Entscheidung?
Ja, Ja, dreimal Ja. Es gab einige Personen, die waren auch lange danach nicht sehr glücklich darüber. Aber es war richtig so. Wir haben eine sehr sanfte Personalreduzierung vorgenommen und nur eine Vollzeitbürokraft nach der Fusion angestellt, das war die Sekretärin Claudia Schneider. Ja, und zwei Jahre später, dann kam noch die Landsmannschaft der Dobrudschadeutschen mit der Vorsitzenden Frau Gertrud Knopp-Rüb auf uns zu, die sich dann zum 1. Januar 2009 uns anschlossen. Und Frau Knopp-Rüb formulierte: „Nun kommt zusammen, was zusammengehört“. Und der Bessarabiendeutsche Verein hat sich bewährt. Während der Fusion galt für viele der Satz „Das Bisherige war bekannt, das Kommende erscheint noch unklar.“ Es war ein großer, aber wichtiger und richtiger Schritt für uns alle. Die Vorteile traten mit der Zeit deutlich hervor, z.B. das Heimatmuseum und das Heimathaus gehörten nicht mehr zwei Vereinen, sondern waren jetzt in einer Hand. Die Veranstaltungen, regionale wie bundesweit, wurden nun von einem Verein organisiert. Die personellen und finanziellen Ressourcen waren nun gebündelt.
Lieber Ingo, vielen Dank für das Gespräch.
Beitrittserklärung, wie sie 2006 mehrfach im „Mitteilungsblatt“ veröffentlicht wurde
Foto: Bessarabiendeutscher Verein/Schulze