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Kreuz und quer durch Europa

Das Pastorat in Klöstitz, links im Bild der Hof der Familie Mammel
Das Pastorat in Klöstitz, links im Bild der Hof der Familie Mammel

Leser dieser Artikelserie ohne bessarabischen Hintergrund wollten von mir wissen, wie meine Familie ausgerechnet an diesen abgelegenen Fleck der Erde gelangt ist. Warum wir wieder hier leben und was aus den jüdischen Nachbarn in Bessarabien geworden ist. Über die letzte Frage will ich in meinem nächsten Beitrag berichten.

Am 30. Mai 1804 ist mein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Georg-Adam Mammel mit Frau und Kindern vom württembergischen Oberjesingen bei Herrenberg ins preußisch besetzte Polen gezogen. Tausend Kilometer zu Fuß.

Heute würde er nur ein paar Kilometer weiter beim Daimler in Sindelfingen arbeiten und überhaupt nicht ans Auswandern denken. Aber in diesem Realerbteilungsgebiet wurden damals die Äckerla unter allen Kindern aufgeteilt, bis nur noch „handtuchbreite“ Stückla übrigblieben. Und obwohl Georg-Adam auch noch als Weber arbeitete, war das Land wohl zu klein und die Ernten zu schlecht, um zu überleben. Mit über 1000 weiteren württembergischen Familien zog er nach Norden, wo die Preußen „schaffige Schwoba“ suchten für die Aufbauarbeit im neu erworbenen Polen.

Doch schon 1807 errichtete Napoleon das Herzogtum Warschau, und die preußischen Schwaben lebten plötzlich in Polen. Die Polen haben diese sogenannten „Warschauer Kolonisten“ nicht gerade geliebt und auch nicht unterstützt. Die Not muss groß gewesen sein. Im Herbst 1814 sind sie freiwillig gegangen. Die Mammels mit 134 anderen Familien. Wieder zu Fuß. Fast 1500 Kilometer bis ans Schwarze Meer.

Der russische Zar lockte sie mit unwiderstehlichen Privilegien ins frisch eroberte Bessarabien: Religionsfreiheit, kein Militärdienst, jede Familie bekommt 65 Hektar mit bestem Schwarzerdeboden. Bessarabien, das war das gelobte Land! Aber um dahin zu kommen, mussten sie innerhalb von 10 Jahren zweieinhalb Tausend Kilometer kreuz und quer durch Europa marschieren, waren württembergische, preußische, polnische und schließlich russische Staatsbürger. Für uns ist das alles heutzutage kaum vorstellbar. Aber die Mammels haben damals überlebt und waren 1815 bei der Gründung des Dorfes Klöstitz mit dabei.

Bei vielen Gesprächen mit Migranten aus Nigeria musste ich immer wieder an meinen Vorfahr Georg-Adam und seine Frau Katharina-Magdalena denken. Haben sie auch so viel Hunger, Durst und Schmerzen erlebt, so viele Menschen neben sich sterben sehen wie diese afrikanischen Männer auf der Flucht durch die Sahara und über das Mittelmeer?

Die Juden Bessarabiens sind so ziemlich auf dem gleichen Weg wie die Deutschen in dieses Land gelangt. Ihre Reise hat sich allerdings über viele Generationen hingezogen. Im Mittelalter vertrieben aus den Städten Deutschlands sind sie nach Polen geflüchtet, und über Weißrussland, Podolien und Galizien langsam nach Süden in die bessarabischen Städte eingewandert.

Hundert Jahre lang lebten die Juden und die Deutschen als geduldete Minderheiten im zaristisch-russischen Bessarabien. Beide bestanden auf ihrer eigenen Religionsausübung, obwohl russisch-orthodox die allgemeine Staatsreligion war. Beide organisierten ihr jeweils eigenes Schulsystem.

Mit der Zeit passten den Russen diese Extrawürste immer weniger. Juden wurden bei Pogromen in den Städten verfolgt und umgebracht. Und die Deutschen wollte man schließlich im Ersten Weltkrieg nach Sibirien transportieren. Im Chaos der russischen Revolution besetzte aber Rumänien 1918 Bessarabien. Nochmals eine neue Staatsangehörigkeit!

Die Deutschen freuten sich, denn sie konnten jetzt auf ihren Höfen bleiben. Die Juden aber waren traurig, denn sie hatten sich erhofft, in einem sozialistischen Staat endlich als gleichberechtigte Bürger leben zu können.

Die Rumänen bezeichneten deshalb die Juden pauschal als Kommunisten. Diese Sichtweise habe ich übrigens in früheren Jahren bei Bessarabiendeutschen auch noch erlebt. Antijüdische Einstellungen konnte man damit gut untermauern. Die Juden selbst waren sich da gar nicht so einig. Eine Gruppe sah ihre Zukunft in einer klassenlosen Gesellschaft, wie sie in der neuen Sowjetunion geplant war. Eine andere Gruppe erwartete ein freieres Leben in der „Heimstatt Israel“. Diese Zionisten waren sehr aktiv und rührig im südlichen Bessarabien, also auch in den deutschen Gemeinden Tarutino, Arzis, Sarata und im schweizerischen Schabo (Quelle: Yizkor Book).

Aber dann kam alles anders.

Am 22. Juni 1940 vertrieb die Rote Armee die Rumänen aus Bessarabien. Ein Jahr zuvor war diese Aktion schon in dem „Deutsch-Sowjetischen Grenz-und Freundschaftsvertrag“ vereinbart gewesen. Viele Juden begrüßten die Sowjets freudig. Deren Reaktion war allerdings ernüchternd. Die Sowjets schickten die jüdischen Führungspersonen in Lager nach Zentralasien (siehe MB 04/21 Seite 20). Das jüdische Gemeindeleben in Bessarabien war damit beendet.

Diese Deportationen, die Gefahr der Zwangskollektivierung, die Schließung der Schulen, und weitere schikanöse Maßnahmen der neuen Machthaber verbreiteten Angst und Schrecken auch unter den Deutschen. Aber Rettung nahte. Am 5. September 1940 wurde zwischen Deutschland und der UdSSR ein Umsiedlungsvertrag geschlossen. Alle Deutschen durften „heim ins Reich“.

Mischehen – Mixed Marriages

Wirklich Alle? Na ja, es gab ein paar Mischehen zwischen Deutschen und anderen Nationalitäten. An denen war die Umsiedlungsbehörde, die Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi), eine Organisation der SS, offensichtlich sehr interessiert.

Wenn man im Internet „Mixed Marriages in Bessarabia“ eingibt, dann taucht ein Dokument dieser VoMi auf, das von den Allierten Streitkräften während des 2. Weltkriegs beschlagnahmt worden ist: „Es wurde 1940 vor der Umsiedlung erstellt, um festzustellen, wer rein arischer Abstammung ist und somit ins Mutterland Großdeutschland umgesiedelt werden konnte.“

536 Mischehen aus den verschiedensten Gemeinden Bessarabiens sind namentlich aufgelistet. Immer wird ein deutscher Partner oder eine Partnerin zusammen mit einer anderen Nationalität genannt: rumänische, russische, bulgarische, französische (aus Schabo!), griechische, polnische, ungarische, und auch jüdische Ehemänner und Ehefrauen kann man da finden. Bei den jüdischen wird auch noch unterschieden zwischen Volljude, Halbjude, Vierteljude und Achteljude.

Und an dieser Stelle möchte ich mich bei den Lesern des Mitteilungsblattes ganz arg entschuldigen. Im Juliheft habe ich behauptet, dass zwischen Juden und deutschstämmigen Christen in Bessarabien keine familiären Verbindungen entstanden seien, und in Tarutino nie eine gemischte chassene/Hochzeit gefeiert wurde. Das hat offensichtlich nicht gestimmt. Das VoMi-Dokument nennt in Tarutino drei deutsch-jüdische Paare. Leider steht nicht dabei, ob sie jüdisch, christlich oder weltlich getraut worden sind. Im restlichen Bessarabien tauchen immerhin so um die 20 deutsch-jüdische Verbindungen auf.

Diese VoMi-Liste zeigt uns deutlich, wie ernst es diesen SS-Strategen war, keine Fremdstämmigen, nur „reinblütige deutsche Menschen“ ins deutsche Reich zu lassen. Heute im Zeitalter der DNA-Analyse wissen wir, was für bunte Mischlinge wir genetisch gesehen sind.

Übrigens „Fremdstämmige“ ist ein beliebtes Ersatzwort für Juden in der bessarabiendeutschen Literatur. Warum scheute man sich, Juden als Juden zu bezeichnen?

Etwa 1000 Deutsche mussten oder wollten wegen diesen gemischten Beziehungen und aus anderen Gründen in Bessarabien verbleiben. Der Rest, 93.000 Deutsche, ließen sich freiwillig – was blieb ihnen auch anderes übrig – ins deutsche Reich umsiedeln. Auch bei dieser Aktion gab es wieder ein Lockmittel: Jeder Bauer sollte einen entsprechenden Hof in Deutschland als Ausgleich bekommen.

Der gite Totn – Der gute Vater

Es war eine grandiose Organisationsleistung. 600 SS-Leute sollen eingesetzt gewesen sein, um die fast 100.000 Bessarabiendeutschen innerhalb weniger Wochen aus diesem riesigen Gebiet herauszuholen. Wenn jüngst behauptet wurde, die Corona-Reiserückholaktion sei die größte ihrer Art in der deutschen Geschichte gewesen, dann wussten die Journalisten wohl nichts von der Umsiedlung der Bessarabiendeutschen.

Frauen, Kinder und Alte, sind mit Bussen und Eisenbahn zu den Donauhäfen Galatz, Kilija und Reni in Rumänien gefahren worden. Die Männer haben mit Planwagen und Pferden ihre Dörfer in Richtung Donau verlassen.

Den Juden muss der Abschied von den Deutschen ziemlich zugesetzt haben. Sie verloren nicht nur ihre besten Kunden, auch lebenslang gewachsene Beziehungen und Freundschaften waren für immer schlagartig beendet. Auf der Website von YewishGen findet man ein englisches Interview mit einer Frau Hulda Remple (geb. Neumann) geb. 1924 im bessarabischen Leipzig. Seit 1958 lebt sie in Kanada.
„Als wir Leipzig 1940 verlassen mussten, um umgesiedelt zu werden, war ich mit den anderen Frauen auf dem Bahnhof (die Männer waren schon mit Pferd und Wagen losgezogen).
Ich glaube es war in Tarutino. Eine große Menge Juden hatte sich dort versammelt, um uns Lebewohl zu sagen. Sie haben alle geweint. Sie sagten: 'Solange ihr Deutschen hier gelebt habt, hatten wir immer genug zu essen. Was wird jetzt auf uns zukommen?'“

Und die jüdische Nachbarin von meinem Großonkel Daniel Kräenbring in Tarutino hat ihm wehmütig, fast verzweifelt auf Jiddisch berichtet, dass die Autobusse eingetroffen sind:

Oi, hobt ir a gitn totn! - Oi, habt ihr einen guten Vater!
Oi, woltn mir gehot a san totn wi ir! - Oi, hätten wir doch auch so einen Vater wie ihr!
Oi, er hot geschikt hant ba nacht - Oi, er hat gestern Abend 
a ssame schejne aftemobiles. - so wunderschöne Automobile geschickt. 
Wer wet schikn noch ins? - Wer wird uns welche schicken? 
Nor der toit ken kimen - Nur der Tot kann noch kommen 
in ins aweknemen. - und uns mitnehmen.

Wie wenn sie es geahnt hätte. Ein Jahr später hat ein Großteil der Tarutinoer Juden nicht mehr gelebt.

Aber der „gite totn“, der gute Vater Adolf Hitler, hat seine Deutschen in Bessarabien natürlich nicht im Stich gelassen. Er brauchte ja dieses „Menschenmaterial“ dringend für seine „Umvolkungs“-Pläne. Mit Schiffen hat man die Menschen donauaufwärts, mit dem Zug nach Österreich und Deutschland befördert. Da gab es zwar keine freien Bauernhöfe, dafür aber 250 Durchgangslager in denen die schaffigen Bessaraber nichts zu tun hatten. Ein bis zwei Jahre lang! Sie waren ernüchtert, aber deutsch. Dank Einbürgerungsurkunde. Dann kam endlich die Ansiedlung. Nicht wie erwartet in Deutschland. Im eroberten Polen, im Warthegau und in Westpreußen, hat man gewaltsam polnische Bauern von ihren Höfen vertrieben, um sie nur Stunden danach bessarabischen Familien zu übergeben. Allein im Warthegau wurden 630.000 polnische und jüdische Einwohner aus ihren Wohnungen und Höfen „verdrängt“, wie das auf Nazi-Deutsch beschönigend umschrieben wurde (aus Ute Schmidt, Bessarabien, 2012, S.329).

Viele Bessarabiendeutschen fühlten sich betrogen, und manchen wurde jetzt klar, dass sie nur als „reinblütige Menschenmasse“ zur „Germanisierung des Ostens“ benutzt worden waren. Unser Opa Mammel erzählte, wie nachts immer wieder der ehemalige polnische Hofbesitzer um Mehl oder Zucker gebettelt hat. Wie sollte da ein Heimatgefühl entstehen? Das konnte niemals Opas Hof werden.

Im Januar 1945 flüchteten alle Deutschen vor der Sowjetfront Hals über Kopf, bei 20° minus. Nach tagelanger Fahrt mit den Pferden konnten meine Großeltern und meine Mutter mit etwas Handgepäck und uns drei Kindern in den letzten Zug in Posen springen. Wir waren gerettet.

Wenn unsere Oma die Geschichte von dieser mörderischen Flucht erzählte, hat sie immer über eine andere Begebenheit berichtet: Bei der Abfahrt des Wagentrecks aus dem Dorf Klöstitz im Oktober 1940, als die Deutschen ihr Dorf endgültig verließen, stand ein Jude am Wegrand, um sich zu verabschieden. Ein junger Wagenführer zeigte ihm provozierend den Hitlergruß und rief „Heil Hitler“! Worauf der Jude auf schwäbisch antwortete: „Ihr werdet no heila“ (Ihr werdet noch weinen).

Dieses Wortspiel wurde zur grausamen Wahrheit. Wieviel Tränen sind auf dieser Flucht geflossen! Über10.000 Bessarabiendeutsche haben den Krieg und die Flucht nicht überlebt.

Im Herbst 1946 kamen wir in Württemberg an. 3000 Kilometer hatten die Bessarabiendeutschen innerhalb von 6 Jahren zurückgelegt. Diesmal aber nicht zu Fuß. Wir waren wieder da, wo 1804 der Georg-Adam Mammel mit Frau und Kindern nach Polen losmarschiert ist, genau dorthin, woher wir geflüchtet waren. Ob er mehr Gepäck dabeihatte, als wir zurückgebracht haben?

Aus Omas Köfferle tauchte ein Buch auf, in dem ich in späteren Jahren immer wieder kopfschüttelnd gelesen habe. Schließlich hat sie es mir geschenkt. Es war Hitlers „Mein Kampf“. „Oma warum hast Du dieses meschiggene Buch von diesem Verbrecher auf der ganzen Flucht mit Dir rumgeschleppt?“ Ich konnte meine Oma nicht verstehen. „Waisch, er hat uns doch vor de Russa grettet.“ Da war er wieder, der gute Vater.

1974 habe ich das Buch für gutes Geld auf dem Frankfurter Flohmarkt an einen amerikanischen Soldaten verkauft. Er hatte ein typisch deutsches Souvenir, und ich konnte damit 50 Quadratmeter der einst versprochenen Hoffläche hier in Deutschland kaufen. Eine kleine Genugtuung. Vom gitn totn selbst finanziert.

(aus dem Mitteilungsblatt 09-21)