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Jiddische Spuren in Bessarabien

Arnulf Baumann · 24. Juni 2021
Gab es auch in Klöstiz Jüdisches Leben?
Gab es auch in Klöstiz Jüdisches Leben?

Woldemar Mammel hat in mehreren Beiträgen über Jiddisch in Tarutino berichtet. Dadurch bin ich dazu angeregt worden, zusammenzustellen, was ich über Juden und Jiddisch in Klöstitz weiß. Vielleicht ermuntert das andere, über ihre Erinnerungen an Jüdisches aus anderen bessarabischen Dörfern zu berichten. Auf diese Weise könnte ein Bild davon entstehen, wie es mit dem Zusammenleben von Juden und Deutschen wirklich stand. Das Bild wird ziemlich unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob es sich um Marktflecken wie Tarutino oder um andere Siedlungen handelte.

Klöstitz war zwar ein großes Dorf, aber kein Marktflecken. Daher war der jüdische Bevölkerungsanteil nur sehr gering. Es gab den – schon von W. Mammel erwähnten – Apotheker, der im Unterdorf ein zweistöckiges Haus besaß, eins von zweien im ganzen Ort. Er war also ein wohlhabender Mann. Von ihm bezogen das ganze Dorf und die umliegenden Siedlungen ihre Medizin: das war wichtig für alle. „Der Sirchis“, wie er im Dorf genannt wurde, hatte wohl auch eine Betstube in seinem Haus, denn ich kann mich erinnern, einmal einige feiertäglich gekleidete Kinder gesehen zu haben, die vom Oberdorf Richtung Unterdorf unterwegs waren, und das an einem Samstagvormittag. Auf meine Frage, wer das denn sei, wurde mir gesagt, das seien Juden, die hätten ihren Feiertag am Samstag. Im Oberdorf wohnte eine jüdische Familie auf einem Bauernhof zur Miete, von dort kamen wohl die erwähnten Kinder.

Es gab aber auch Juden, die nicht im Dorf wohnten, sondern nur durchzogen, um Waren zum Verkauf anzupreisen oder aufzukaufen. Besonders gut kann ich mich an den „Federjud“ erinnern, der den Hausfrauen abgetrennte Gänseflügel abkaufte, die als Handfeger – „Flederwisch“ – geschätzt wurden. Außerdem kaufte er die Daunen der geschlachteten Gänse auf, was den Frauen ein kleines Taschengeld einbrachte. Reich war er bestimmt nicht, das sah man schon an seiner Kleidung. Er war zu Fuß unterwegs und machte von Zeit zu Zeit mit dem lauten Ruf „Feedra, Feedra!“ auf sich aufmerksam, sodass die Hausfrauen sich auf ihn vorbereiten konnten. Ob er in seinem Sack auch etwas zum Verkaufen mitschleppte, weiß ich nicht.

Jiddisch habe ich als Kind nur von Onkeln gehört, die in Tarutino auf dem Gymnasium waren und die Ferien bei uns verbrachten. Dort gab es auch einen starken Anteil jüdischer Schüler, die oft mit ihrem Schulgeld das Überleben der Schule ermöglichten. Dort gab es aber auch viele jüdische Händler, die ihre Waren am Straßenrand anboten. Die deutschen Schüler, die ja aus unterschiedlichen Dörfern gekommen waren, machten sich einen Spaß daraus, den Händlern mit ihrem kuriosen Deutsch zuzuhören und es ihnen nachzusprechen. Meist gelang es ihnen ganz gut.

(Das hing mit der Eigenart des Jiddischen zusammen, das nicht nur von rechts nach links geschrieben wird, sondern oft auch ohne Zeichen für die Vokale nur mit Konsonanten, die man beim Lesen durch Vokale ergänzen musste. Dadurch wurden die Vokale als weniger wichtiger Wortbestandteil empfunden, weshalb man sie beliebig verändern konnte, z. B. „wus“ für „was“. Wenn man aufmerksam zuhörte, konnte man leicht erkennen, welche Vokale zu welchen Konsonanten passten. – Im Übrigen ist Jiddisch dem Schwäbischen ähnlich, weil es im Mittelalter in Süddeutschland entstand.)

Auch in Tarutino gab es bei den Juden soziale Unterschiede. Ich erinnere mich an den Besuch in einem jüdischen Stoffgeschäft mit meiner Mutter, ein oder zwei Jahre vor der Umsiedlung. Ich staunte über das reichhaltige Angebot und über die Beflissenheit der drei Verkäufer, die immer wieder neue Stoffballen anboten, bis das Gewünschte gefunden war. Sie sprachen Hochdeutsch mit leichtem Akzent – vielleicht hatten sie es auf dem deutschen Knabengymnasium gelernt.

Dieses Bild friedlichen Zusammenlebens bekam in den Dreißigerjahren Risse. Antisemitische Parteien kamen auf, die deutsche NS-Erneuerungsbewegung und die rumänische Partei des Professors Cuza, die auch viele deutsche Wähler anzog. „Erneuerer“ gab es in Klöstitz, ob auch „Cuzisten“, weiß ich nicht – Kinder wurden damals nicht in politische Diskussionen einbezogen. Ich erinnere mich aber deutlich, dass immer wieder das Wort „Cuzisten“ fiel, mit negativem Unterton. (Die Klöstitzer Chronik von Arnold Mammel – „Klöstitz. Das Bild der Heimat“ – geht wie die meisten dieser Ortschroniken nicht auf die Zeit nach der Umsiedlung ein, auch nicht auf die politische Entwicklung der Dreißigerjahre.) Deutlich ist aber: Es wurde ungemütlicher für die Juden in Klöstitz. Diese Zeit muss auch erwähnt werden.

Nach dem Einmarsch der Roten Armee 1940 wurde ein Sohn des Apothekers Sirchis zum Bürgermeister bestimmt. Dafür wurde er nach dem Einmarsch der Rumänen 1941 auf der Kirchentreppe erschossen – das immerhin berichtet die Chronik von Mammel. Rumänien hatte sich zuvor Hitlerdeutschland angenähert und auch dessen antisemitische Politik übernommen, betrieb die Judenverfolgung aber auf eigene Weise: Die allgegenwärtige Korruption eröffnete mancherlei Schlupflöcher, und man verfolgte die Juden nicht mit der tödlichen Konsequenz der Deutschen, weshalb viele überlebten. Aber: die Juden wurden in Lager in Transnistrien transportiert und auf freiem Feld ohne Verpflegung eingesperrt, weshalb die Menschen entweder verhungerten oder sich von den dort wachsenden Lathyrus-Pflanzen ernähren mussten, einem Wolfsmilchsgwächs, das langfristig zu schweren Lähmungserscheinungen führt.

Ich habe in den Sechzigerjahren den aus Jassy stammenden Jancu Moscovici kennengelernt, der diese Zeit in Bessarabien überlebt hatte; er war inzwischen Christ geworden, sogar Pastor. Meiner wiederholten Bitte, über diese Zeit für uns zu berichten, kam er nicht nach – es war zu schrecklich für ihn. Nach dem Krieg gab es kein Halten mehr für die überlebenden Juden aus Rumänien. Sie wanderten nach Israel aus. Viele Jahre hindurch waren in der Hauptstraße von Tel Aviv, der Dizengoffstraße, überall in den Schaufenstern Schilder mit dem Hinweis zu sehen, dass dort Rumänisch (und Ungarisch) gesprochen wurde. In einem Vorort von Tel Aviv entstand ein „Bet Bessarabia“ (Haus Bessarabien), das ich im Vorbeifahren entdeckte, aber aus Zeitmangel nicht aufsuchen konnte.

Zum Schluss ein kleines Erlebnis aus den Neunzigerjahren, als viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel auswanderten: Ich war mit einem Mietwagen auf der Schnellstraße zwischen Haifa und Tel Aviv unterwegs, wo es keine Tankstelen gibt. Da fiel mir auf, dass die Tankanzeige bedrohlich gegen Null pendelte. Schließlich fand ich doch noch eine kleine Tankstelle, die eine ältere Frau bediente. An meinem Wagen konnte sie erkennen, dass ich Ausländer sein musste. Also fragte sie, aus welchem Land ich gekommen sei.

Ich kratzte meine Hebräischkenntnisse zusammen und sagte: „Mi-Germania“ („aus Deutschland“). Da hellten sich ihre Züge auf, und sie sagte: „Dann redde mer doch Teitsch!“ und begann, mich mit einem Wortschwall in Jiddisch zu überschütten, das ich so schnell nicht verstehen konnte. Ich hätte gern erfahren, woher diese Frau gekommen war, vielleicht sogar aus Bessarabien? Doch ich musste mich schon sputen, um den Abgabetermin für den Wagen nicht zu versäumen. Im Weiterfahren dachte ich mir aber: Da ist die schrecklichste Judenverfolgung der Geschichte von Deutschland ausgegangen - und dann fällt dieser Frau bei der Nennung dieses Landes als erstes die sprachliche Verwandtschaft zwischen Deutsch und Jiddisch ein!!


(aus dem Mitteilungsblatt 06-21)