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Der Neue Geist

Eine Gruppe von jüdischen Händlern und  Kaufleuten aus Odessa im Gespräch
Eine Gruppe von jüdischen Händlern und Kaufleuten aus Odessa im Gespräch

Veränderungen inden Beziehungenzwischen Juden und Deutschen

Meine Eltern haben 1937 in dem bessarabischen Dorf Brienne geheiratet.

Die Aussteuer für die Braut wurde im Nachbarort Arzis in einem von Deutschen geführten Textilgeschäft gekauft. Für die ältere Schwester hatte man noch ein paar Jahre zuvor diese wichtige Heiratsausstattung bei einem jüdischen Händler erworben. Der jüdische Kaufmann hat das natürlich mitbekommen und ist schnurstracks zum Brautvater, meinem Opa Christian Herrmann, gelaufen.

„Habe ich euch schon mal schlechte Ware geliefert? Waren die Preise zu hoch? Ist Euch unsere langjährige Verbundenheit nichts mehr wert? Was ist los?“ Der Händler war stocksauer. Mein Opa ziemlich zerknirscht. Er konnte es nicht mehr rückgängig machen.

Ich weiß nicht, wer für den Kauf letztendlich verantwortlich gewesen ist. Ich vermute, dass man sich halt verpflichtet gefühlt hat auch die deutschen Händler zu unterstützen.

Oder hatten etwa die Texte, wie sie in der Zeitschrift „Die Jugend – Blatt der deutschen Jugend Bessarabiens“ erschienen sind, schon Wirkung gezeigt?

„Wir müssen so weit kommen, dass kein deut scher Mann, keine Frau, kein Bursche und kein Mädel die Schwelle eines jüdischen Ladens übertreten...“ stand da in der Februarausgabe 1936.

„Die Jugend“ erschien halbmonatlich und wurde in Tarutino herausgegeben, genau in der Gemeinde, über die der ehemalige Tarutinoer Elieser Schulmann im jüdischen Gedenkbuch (Yizkor Book) schreibt: „Tarutino zeichnete sich vor den anderen südbessarabisschen Dörfern dadurch aus, dass zwischen den jüdischen und den deutschen Einwohnern ein herzliches Verhältnis herrschte. Man kann sagen, dass die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden auf allen Ebenen freundschaftlich waren und voller gegenseitigem Respekt. Meine besten Freunde waren deutsche Jungs. Und ich erinnere mich noch gut daran, dass bis zum Jahr 1939 sogar Vaters gute Freunde Deutsche waren.“

Dieses Miteinander, das als korrekt, freundlich, freundschaftlich ja sogar herzlich von jüdischen Bessarabern beschrieben wird, versuchten verschiedene politische Gruppen in den 30er Jahren mit allen Mitteln zu untergraben.

Schmuel Brilliant erklärt dazu: „Der Wechsel in den Beziehungen zwischen Juden und Deutschen vollzog sich, als Hitler in Deutschland [1933] an die Macht kam. Hetzredner kamen aus Siebenbürgen und Deutschland, und sie übten mit den ansässigen Deutschen in Tarutino, wie man mit Juden umgeht und wie man Beziehungen zu ihnen abbrechen kann.
Dazu kam, dass junge Tarutinoer, die in Deutschland studiert hatten, zurückkehrten – den Kopf voller Antisemitismus. Und sie bemühten sich so gut sie konnten, jede Beziehung zwischen Deutschen und Juden in Tarutino zu unterbinden.
Die Mehrheit der Juden in Tarutino hatte ja ihre Wohnungen von den deutschen Hausbesitzern gemietet. Mir sind viele Fälle bekannt, dass wenn die Juden ihre Mieten nicht rechtzeitig bezahlen konnten, die Deutschen Aufschub gewährten, ohne von rechtlichen Schritten Gebrauch zu machen. All das änderte sich, als 1939 der Krieg ausbrach. Es existierten da sehr enge Verbindungen [zu den Deutschen] nach Siebenbürgen. Zudem wurden deutsche Genossenschaften und Werkstätten gegründet, so dass es nicht mehr nötig war, mit Juden zusammen zu arbeiten.
Außerdem wurden auch noch an Sonn- und Feiertagen militärische Übungen abgehalten. Es entwickelte sich eine völlig neue Atmosphäre, und die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden veränderten sich vollständig.“

So ganz vollständig ist dieser Wechsel wohl nicht gewesen. Meine Oma Rosine Mammel hat weiterhin bei Juden eingekauft. Für sie hat die Qualität gestimmt und die Preise auch. Sie hat es nicht eingesehen, die gewachsenen Beziehungen aufzugeben.

Auch Arnulf Baumann schildert in seinem Beitrag „Jiddische Spuren in Bessarabien“ wie seine Mutter noch ein oder zwei Jahre vor der Umsiedlung (1938/39) in Tarutino Stoffe in einem jüdischen Geschäft eingekauft hat.

So ein Verhalten hat natürlich die Stimmungsmacher der Zeitschrift „Die Jugend“ fürchterlich gewurmt. Schon in der Dezemberausgabe 1935 erteilen sie ihren Volksgenossen eine bitterböse Rüge: „Sind das auch Deutsche? Wenn man auf den Tarutinoer Marktflecken geht, so sieht man, dass die meisten deutschen Volksgenossen ihre Einkäufe bei den Juden machen. In den jüdischen Geschäften wimmelt es nur so von deutschen Menschen. Geh` jedoch in einen deutschen Laden und du wirst feststellen müssen, dass selten ein Käufer sich zeigen lassen wird. Soweit sind unsere Leute gekommen! Anstatt in dieser schweren Zeit unsere eigenen Kaufleute zu unterstützen, kauft man beim jüdischen Volke.
Sind das wohl Deutsche, die ihre Volksgenossen so im Stiche lassen? Müssten die nicht an die Öffentlichkeit gebracht werden.“

Das also war die neue Atmosphäre! Viele Deutsche sprachen vom „Neuen Geist“. Großvater Christian Herrmann konnte sich mit diesen nationalsozialistischen, antisemitischen und kirchenfeindlichen Ideen nicht anfreunden. Aufgebracht soll er einmal geschrien haben: „Dieser Neue Geist kommt mir nicht ins Haus!“

Vor mir liegt eine Fotografie von 1938. Die ganze Großfamilie Herrmann hat sich auf der Treppe vor ihrem Haus in Brienne aufgestellt. Einer der Söhne steht da stramm herausgeputzt in der Deutschen Tracht. Der Neue Geist ist schon am „Häs“ erkennbar. Opa Christian hat ihn nicht aufhalten können.

Die Historikerin Mariana Hausleitner hat in ihrem Buch „Deutsche und Juden in Bessarabien 1814–1941“ auf 10 Seiten alle Fakten zum Thema „Radikalisierung der Deutschen in den dreißiger Jahren“ zusammengesammelt.

Es ist der reinste Politkrimi! Aber wennman das liest, wird man fast – auf jiddisch gesagt: meschigge. Diese vielerlei Gruppierungen! Die einmal kooperieren, dann wieder gegeneinander intrigieren! Wieviele der bessarabischen Bauern haben da eigentlich noch durchgeblickt?

Es ging schlussendlich ja darum, wer die Interessen der deutsch-bessarabischen Minderheit in Rumänien am besten vertritt. Durchgesetzt hat sich schließlich die nationalsozialistische sogenannte Erneuerungsbewegung unter Gauleiter Otto Broneske. Der lange Arm aus Berlin hatte damit alles im Griff.

Auch nach dem Krieg, in den 50ern, haben Leute aus diesem einstigen Gaurat wieder die Vertretung der Bessarabiendeutschen hier in der BRD übernommen.

Karl Rüb, der Mann der sich am intensivsten um die bessarabischen Flüchtlinge sofort nach dem Krieg gekümmert hatte, wurde dabei ausgebootet. Meinen Vater hat dieses Verhalten zeitlebens geärgert. Vermutlich hat diese Personalstruktur die notwendige Diskussion über die 30er Jahre lange Zeit verhindert. Aber es ist ja nie zu spät! Mariana Hausleitner hat mir geschrieben, dass im Gegensatz zu anderen Vertriebenenorganisationen die Bessaraber schon frühzeitig mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit begonnen hätten.

Wie viel Macht haben Worte?

Ich erinnere mich noch an warme Septembertage hier in der neuen Heimat Baden-Württemberg, wie wir Kinder bei der Kartoffelernte die wertvollen Knollen aufklauben mussten, die der Opa ausgegraben hatte. Nach ein paar Stunden in der Sonne waren wir müde und schlapp.

In solchen Momenten, tauchten regelmäßig zwei Judenbuben auf, der Jankel und der Jossel. 

„Dr Jankl on dr Jossl die gehn des Bergle nuf, dr Jankl zieht em Jossl des Hemmed henna nuf.“

Mit diesem Spruch wollte uns unsere Oma wohl motivieren, weiterzumachen. Wir sollten nicht auf die Idee kommen nur noch rumzublödeln, so wie der Jankel und der Jossel.

Schon beim Nennen der beiden Namen war uns klar, dass wir nicht fleißig genug arbeiten würden. „Warum zieht der dem anderen das Hemd hinten hoch?“ wollte ich wissen. Das wusste niemand. „Und warum sind die Juden faul?“ „Weil sie keine Bauern sind. Sie sind Händler. Kaufen und verkaufen. Da muss man nicht so schwer schaffen.“, erklärte unsere Oma.

So ganz überzeugt hat mich das nicht. Zum Glück hatte unser Vater andere Erfahrungen gemacht. Er verbrachte ein paar Jahre als deutscher Lehrer in der Gemeinde Scholtoi in Nordbessarabien nahe der Stadt Belz. Dort in der Gegend hatten Juden Land erwerben können und bewirtschafteten als Bauern ihre Höfe. „Ich habe es selbst gesehen. Die mussten schaffen wie wir. Juden sind nicht faul. Sie haben nur kein Land.“ Ich bin meinem Vater noch heute dankbar für diese Informationen.

Mein Arziser Bäsle Gertrud Effinger (geb. Herrmann) hat mir folgende Geschichte erzählt: „Wenn wir als Kinder mit dem Ausruf 'ich will aber...' etwas erreichen wollten, was die Eltern nicht erfüllen konnten, dann hat unser Vater geantwortet mit 'ich will, ich will… dr Jud hat end Flasch wella. Hot scho d` Wescht auszoga.'“

Warum wird Juden das Unmögliche zugeschrieben? Warum sollen sie faul sein? Ich vermute stark, dass diese Sprüche aus der Auswanderungsregion in Baden-Württemberg mitgewandert sind. Da gab’s ja eine schon lang tradierte Judendiskriminierung. Die Sprache ist eindeutig schwäbisch, aber die inhaltliche Bedeutung kaum zu erklären. Sie wurden einfach aus Sprachtradition benützt, ohne sich große Gedanken über die Herkunft zu machen.

Andere Redensarten sind einfacher zu erklären: „Do geht’s zu wie enera Judaschul.“ In der Synagoge betet jeder laut für sich. Dadurch entsteht ein Stimmengewirr. oder „Der frogt wie dr Jud noch em Weg.“ Wenn man ausführlich, penibel, ja umständlich nachfragt. Ich bin schon gefragt worden, ob solche Sprüche eine antisemitische Einstellung fördern könnten. Vielleicht. Das hängt ganz davon ab, mit welcher Ernsthaftigkeit diese Redewendungen benützt werden. Bei uns zu Hause wurden sie eigentlich nur zur sprachlichen Belustigung verwendet. Trotzdem bin ich froh, dass solche Sprüche aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind.

Religion vor Liebe

Was Deutsche und Juden wirklich am stärksten getrennt hat – ohne Boykottaufruf – das waren die unterschiedlichen „Gesangbücher“, sprich: die unterschiedliche Religion.

Obwohl die Thora und das Alte Testament der Bibel die gleichen Texte beinhalten, obwohl Jesus ein Jude war und obwohl sie so nahverwandte Sprachen benutzten, entstanden zwischen Juden und deutschstämmigen Christen in Bessarabien keine familiären Verbindungen.

Auch wenn der evangelisch–lutherische Oberpastor Daniel Haase an hohen jüdischen Festtagen die Synagoge aufgesucht hat, um dem Gesang des Kantors zu lauschen, eine gemischte chassene/Hochzeit wurde in Tarutino nie gefeiert. Ob sich das im Laufe der Zeit noch geändert hätte, so wie in der Bukowina, wo solche Mischehen öfters vorgekommen sind?

Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich in Stuttgart bei einem Jiddisch-Abend der Israelitischen Kultusgemeinde mit jüdischen Mädchen getanzt hätte, da schaute sie mich mit großen Augen ganz entgeistert an: „Wirst mir doch keine Jiddischke daherbringen.“ Bessarabien lebt, dachte ich bei mir. Wie lange noch?

(aus dem Mitteilungsblatt 07-21)