Bittschrift an Zar Alexander den II.
Scan: Martha Betz
Immer wieder tauchen in unserem Archiv hochinteressante Fundstücke auf, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten möchten. So wie Ende letzten Jahres ein Brief an Zar Alexander den II. Dieser regierte von 1855 bis 1881. Er war der Enkel von Alexander dem I., der Napoleon besiegte und Bessarabien u. a. auch mit Deutschen Kolonisten besiedelte.
Der besagte Brief beinhaltet ein für damalige Verhältnisse brisantes, skandalträchtiges Thema! Es ist eine Bittschrift, verfasst von dem Tarutinoer Küster und Kirchenschullehrer Gustav Eduard Hoffmann, im Auftrag des Tarutinoer Kolonisten Johann Gerling, dessen Wunsch es war, sich von seiner Ehefrau Dorothea geborene Krogel scheiden zu lassen, mit der er keine Kinder hatte.
Scheidungen waren extrem selten, doch es gab sie.
Leider ist kein Datum vermerkt. Der Brief muss jedoch vor dem 17.04.1865 geschrieben worden sein, denn der Zar hat dieser
Anfrage Folge geleistet.
Johann Gerling heiratete am 17.04.1865 Wilhelmine Hirschkorn und wanderte 1875 mit ihr und vier Töchtern in die Türkei [Dobrudscha] aus. Damals gehörte die Dobrudscha noch zum osmanischen Reich.
Seine erste Ehefrau Dorothea Krogel heiratete am 13.03.1870 den zweifachen Witwer Gottlieb Tramnitzke, ein Beresinaer Kolonist, mit dem sie auch keine Kinder hatte.
Dass beide Parteien bei ihrer Wiederverehelichung geschieden waren, ist im Tarutinoer Heiratsbuch (1865-1879) auf den Seiten 3 und 79 belegt.
Abschrift des Briefes
Unterthänigste Ehescheidungsklage
des Johann Gerling, Tarutinoer Kolonist
wider seine Ehefrau Dorothea geb. Krogel nebst Beilagen.
A.B.C.E.F.G.H.
Allerdurchlauchstigster, Großmächtigster
Großer Herr Kaiser
Alexander Nikolajewitsch
Selbstherscher aller Reußen
etc. etc. etc.
Allergnädigster Herr und Kaiser!
Nach Ausweis des sub. Litt. G. angeschloßenen Trauscheins bin ich Endes unterzeichneter mit meiner gleich mir der Ev. Luth. Confession angehörigen Ehefrau im Jahr 1863 den 8ten Novbr. in der Kirche zu Tarutino von dem Pastor des Tarutinoer Kirchspiels copuliert worden.
Nachdem nun diese meine angetraute Ehefrau während der kurzen Zeit unserer Ehe sich vielfältiger Unkeuschheit schuldig gemacht, indem sie mit verschiedenen Mannspersonen unzüchtigen Umgang gehabt und auf thatsächlich verübtem Ehebruch betreten worden, belehre der annectirten Zeugnißablegungen sub. Litt. A. B. C. und Geständniß meiner Ehefrau sub. Litt. D. sowie Erklärung sub. Litt. E., und ich nach so schmählicher Aufführung meine Ehefrau unmöglich mehr lieben und mit ihr die Ehe durchaus nicht fortsetzen kann, so sehr ich mich notgedrungen veranlaßt, Ew. Hochw . Ev. Luth. Constistorium in Folgendem ganz gehorsamst zu bitten.
Ew. Kaiserlichen Majestät Hochwürdiger Ev. Luth. Constitorium zu St. Petersburg wolle in Gnaden geruhen, dahin auf Grund der bezüglichen § § der Kirchenordnung zu entscheiden, daß die zwischen mir und der Dorothea geb. Krogel bestehende und von derselben gebrochenen Ehe vollständig geschieden werde und mir als drin bitter gekränkten Theile die Wiederverehelichung, ohne welche die Fortführung meines nunmehr bereits gänzlich zerrütteten Hausstandes mir unmöglich ist, huldreichst gestattet werde.
Einer gnädigen Resolution dieser meiner allerunterthänigsten Bitte mich getröstend, ersterbe ich in tiefster Devotion
Euer Kaiserl. Majetät
allerunterthänigster
Johann Gerling
Kolonist der Kolonie Tarutino
Diese Bittschrift hat verfaßt und geschrieben der Küster und Kirchenschullehrer
Gustav Eduard Hoffmann zu Tarutino
Originalabschrift von Martha Betz, Familienkunde