Arzis, meine Stadt
Archivbild IN 138046
Übersetzung: ins Englische von Jocheved Klausner,
ins Deutsche von Uwe Quellmann
Unsere Stadt war eine kleine Stadt. Gemäß einer von den russischen Behörden im Jahr 1897 durchgeführten Volkszählung betrug seine Bevölkerung 1728 Einwohner, 337 davon Juden – 18,4 %. 1930 führten die Rumänen, die Machthaber des Bezirks, eine allgemeine Volkszählung durch, und diesmal war die Zahl der Einwohner 2951, 842 davon Juden, was 28,5 % der Bevölkerung ausmachte. Die christliche Bevölkerung war nicht homogen: die Mehrheit – 60 % – waren Deutsche, der Rest Bulgaren, Rumänen etc.
Die meisten Deutschen, welche Anfang des 19. Jhds. von der russischen Regierung angeworben worden waren, waren Landwirte, und die Juden – wie in anderen bessarabischen Städten – waren meist im Handel und im Handwerk beschäftigt.
Die Böden waren fruchtbar, ihre Bewirtschaftung eher primitiv. Dennoch erbrachte in einem guten Jahr der Boden 200 Pud Getreide pro ha. Gemüse und Obst gab es im Überfluss.
Einmal in der Woche, am Dienstag, war „Markttag“ und die Bauern aus der Umgegend kamen nach Arzis, verkauften ihre Ernte und kauften alle ihnen lebensnotwendigen Gebrauchsgüter, von Nadel und Faden bis zum Vieh. Die Juden waren eine sehr wichtige Größe auf diesen Markttagen, auch unter den Getreidehändlern, welche man „Cerealisten“ nannte.
Das Städtchen hatte zwei Grundschulen mit jeweils sieben Klassen. Die eine war rumänisch und kostenfrei, die andere war eine Hebräischschule der „Tarbut“ [Kultur] – Bewegung, für die Schulgeld ent richtet wurde [lt. Wikipedia ein Netzwerk säkularer, hebräischsprachiger Schulen in Osteuropa].
Man kann sagen, dass diese Schule der Ruhm und der Stolz von Arzis war. Die bloße Tatsache, dass eine so kleine jüdische Gemeinde eine Hebräischschule unterhalten konnte, war unzweifelhaft eine große Errungenschaft, ermöglicht durch das Engagement der Eltern und der Zionisten der Stadt und dank der Leiterin der Schule, Frau Misia Ch. Bilostotzkaia.
D. Vinitzki nennt in seinem Buch „Jüdisches Bessarabien“ Zahlen über die Schule für das Schuljahr 1930-31: der Kindergarten beschäftigte eine Erzieherin für 11 Kinder. Der Jahreshaushalt betrug 29 Tsd. Lei und die Schule beschäftigte 4 Lehrer in 6 Klassen mit 95 Schülern. Der Jahresetat der Schule betrug 328 Tsd. Lei.
In D. Vinitzkis Worten: „Zwei kleine Städtchen dienten als Beispiel für andere in ihrer Organisation und der Bereitschaft, die Schulkosten zu tragen und den Lehrern ein gutes Gehalt zu zahlen – trotz der geringen Anzahl von Schülern: Arzis im Kreis Akkerman und Rany im Kreis Ismail.
Arzis (verglichen mit anderen Städten), mit 170 jüdischen Familien unterhielt für viele Jahre einen Kindergarten und eine 7-klassige Grundschule dank der wenigen wohlhabenden Eltern (die Jankelewitz, Freink und andere Familien), welche bereit waren, ein zwei- oder dreifaches an Schulgeld zu bezahlen.“
Die Gemeinde erhob eine verbindliche Gebühr für den Unterhalt der Schule; diese Gebühr wurde auch jenen Eltern auferlegt, die ihre Kinder auf die rumänische Schule schickten.
Andererseits kam die Leiterin nicht nur ihrer eigentlichen Pflicht nach: sie war gleichzeitig Sekretärin, Buchführung, u.a.m. für die Schule; all das, zuzüglich zum Unterricht (Mathematik und Geographie) und den normalen Leitungsaufgaben. In ihrer Hingabe an die Schule und ihrem Fleiß war sie allen ein Vorbild.
Wenn die Kinder die örtliche Schule absolviert hatten, setzten sie das Lernen in der Magen-David [Schild Davids] –Schule in Kischinjew oder woanders fort. Einige von ihnen wurden berühmt; unter diesen sind erwähnenswert Professor Jehuda Pausner, ein namhafter Herzchirurg in den Beilinson- und Tel-Ha-Schomer-Kliniken [beide in Israel], der in der Schule unserer kleinen Stadt Schüler war. Ebenso der Komponist und Dirigent Schika Aharonowitz, der jetzt in der UdSSR ist, war einer der Schüler. Einen der herausragenden Lehrer an der Schule möchte ich erwähnen, Weissmann, der jetzt in Israel lebt. Er kam aus Kischinjew zu uns und erwarb sich schnell einen Ruf als außergewöhnlicher Lehrer und Pädagoge; er gewann die Herzen seiner Schüler und kümmerte sich um jeden einzelnen von ihnen. Sein Unterricht war spannend; kein Wunder, dass keiner seiner Schüler durch ein Examen fiel. Er wusste in jedem Menschen, den er unterrichtete, dessen Interesse zu wecken.
Die jüdische Gemeinde
Die jüdische Gemeinde in Arzis wurde als eine der bestorganisierten in Bessarabien erachtet – zu recht. Sie prägte alle Bereiche jüdischen Lebens.
Die eine Synagoge in der Stadt, die von der Gemeinde unterhalten wurde, war komfortabel und groß genug, um alle unterzubringen, ausgenommen während der Hohen Feiertage; dann war es nötig, Betsäle in einigen Privathäusern zu organisieren. Die Andachten wurden von Rabbi R´ Jeschajahu-Mendel Geiser oder vom Schächter (Schlachter) R´Leiser Kolomjeski geleitet, beide gut versiert in allen Aspekten religiöser Feierlichkeiten.
Für die Feiertage stellte die jüdische Gemeinde den Kantor Avigdor Polonski ein, der mit einer schönen Tenorstimme gesegnet war und er leitete die Andachten.
In den 30ern gesellte sich sein Sohn zu ihm und die Gemeinde erfreute sich an den beiden. Bis heute widerhallen meine Ohren von den schönen Gebeten des Kantors und seines Sohnes; jeder einzelne Gottesdienstbesucher lauschte diesen Klängen. Obwohl das Honorar, das dieser Kantor verlangte, höher war als üblich, zog die Arziser Gemeinde seine Gottesdienste vor. Es muss betont werden, dass diese Gemeinde nie die Bedürftigen in ihrer Mitte vergaß, und der Gemeindevorstand legte gestaffelte Abgaben fest: die Reichen sollten höhere Steuern zahlen.
Unter denen, die den Armen auf vielfältige Weise halfen, speziell durch das „unter der Hand-geben“ (matan baseter) nennen wir besonders R´Avraham Gurfil s´´l. Wann immer er von einer Familie in Not hörte, beeilte er sich, seine Leute dorthin zu schicken, um zu helfen – unter der aus Erinnerungen drücklichen Bedingung, dass sie die Quelle der Hilfe nicht ausplauderten.
Ich kann dieses bezeugen – da ich als R´Avraham Gurfils „guter Botschafter“ [„Scheliach mitzwah“ = Gesandter, um eine Mitzwah, ein Gebot, zu erfüllen] zu einer Familie geschickt wurde, deren Tochter heiratete und die nicht die Mittel hatte, eine Hochzeit auszurichten. Ich brachte dieser Familie 5.000.- Lei, was damals eine große Summe war, ohne den rettenden Engel erkennbar zu machen.
R´Avraham machte keinen Unterschied zwischen Jude und Christ und in vielen Fällen half er einem Christen genauso.
Während der sowjetischen Besetzung, als der NKVD ihn und seine Familie als „Kapitalisten“ festnahmen, wandten sich viele Christen an den Kommandeur und baten ihn, sie freizulassen. „Er gab sein Geld um den Armen zu helfen“ plädierten die Christen – aber das half nichts. Er und seine Frau wurden nach Sibirien deportiert und seine Frau starb in der sibirischen Steppe.
Die zionistische Bewegung
Die ersten Einwanderer nach Israel aus Arzis „machten Alija“ [„Aufstieg“, Einwanderung nach Israel] in den frühen 20ern, nach dem Ende des ersten Weltkriegs. Ein Teil von ihnen kam jedoch zurück, da die schwierige wirtschaftliche Lage dort es ihnen nicht ermöglichte, Teil der „Erez Israel“-Ansiedlung zu werden [Erez = Land].
Unter den ersten Auswanderern waren Schlomo Abramowitz, Josef Brenner, Berl Portnoy und andere. In den frühen 30ern startete eine neue zionistische Bewegung mit dem Aufbau der Jugendbewegungen: Ha Schomer Hazair, Gordonia und Brit Trumpeldor. Viele Mitglieder dieser Bewegungen gingen in ein „Trainingslager“ auf einem Bauernhof in Ambrovka, 35 km von Arzis, und als das „Training“ beendet war, bekamen sie „Zertifikate“ und „machten Alija“.
Offensichtlich waren die Jugendbewegungen nicht „auf dürrer Erde gewachsen“; sie waren das Ergebnis der zionistischen Atmosphäre in der Stadt und der zionistischen Aktivitäten der Erwachsenen.
Im Allgemeinen war Arzis aktiv in der Beteiligung an den verschiedenen zionistischen Fonds. Z. B. 1928, einem Jahr der Dürre in Bessarabien, spendete Arzis 40.000.- Lei; und an den Keren Hajesod [„Gründungsfonds“] 88.750.- Lei. 1939, als der Antisemitismus in Rumänien zunahm, teilten die Arziser Juden dem Nationalfonds 178.028.- Lei zu – ein bemerkenswerter Zuwachs im Vergleich zu den anderen Jahren.
Die Beziehung zwischen den Juden und den Deutschen
Bis in die 30er Jahre war das Verhältnis zwischen den beiden Gruppen in Arzis freundlich und das Miteinander korrekt.
Jedoch, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, tauchten Hetzschriften auf Deutsch gegen Juden in Arzis auf, und die geschäftlichen Beziehungen und das Zusammenwirken vor Ort zwischen Juden und Deutschen kamen zum Erliegen.
Die Deutschen eröffneten mehr und mehr Geschäfte und die jüdischen Händler und Ladenbesitzer wurden beschränkt.
In der Enzyklopädie über die bessarabischen Juden beschreibt Th. Lavie das Verhältnis so: „In Arzis suchte eine deutsche Frau den jüdischen Doktor Korol auf. Da sie einer vormilitärischen Einheit angehörte wurde sie vor ein Gericht der Nazi-Partei gebracht, wurde gerügt und degradiert. Um ihren vorigen Rang wieder zu erlangen wurde sie gezwungen, eine Beschwerde gegen den jüdischen Arzt aufzusetzen, gegen den Apotheker Caushanski und andere Juden in Arzis. In der Klageschrift erklärte sie, dass die Juden ihr Geld gegeben hätten, um Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Die Juden wurden verhaftet und mehrere Tage im Gefängnis festgehalten“.
Der Bevollmächtigte B. Klepner, der von der jüdisch-nationalen Gesellschaft zur Untersuchung der Lage der Juden im südlichen Bessarabien beauftragt wurde, fand in Arzis 225 Juden, welche „im Zustand von Armut und Hunger“ lebten.
Die Zeichen der Zerstörung zeigten sich bereits und veranlassten zweifellos viele junge Menschen, Alija zu machen in das zionistische Land des Aufbruchs.
aus: https://www.jewishgen.org/yizkor/translations/
(übernommen im Mitteilungsblatt 06-21)